#metoo #notme – Mimimi?

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Ein Beitrag von Laura Lütt
Die Instanz, die über Schuld oder Unschuld entscheidet, ist in der westlichen Welt ein Gericht. Das mag jetzt vielleicht selbstverständlich erscheinen und der Hinweis darauf sogar überflüssig. Doch leider muss dieser Grundsatz aktuell dem einen oder anderen Menschen in  Erinnerung gerufen werden.

Doch fangen wir noch einmal kurz woanders an: Vergewaltigung und sexuelle Belästigung sind schwere Straftaten. Das Bewusstsein,  insbesondere für die psychischen Folgen dieser Delikte, wächst glücklicherweise in unserer heutigen Gesellschaft immer mehr. Trotzdem könnte sicherlich jede Frau mindestens eine Geschichte erzählen, die zumindest einen Anfangsverdacht eines Angriffes auf die sexuelle Selbstbestimmung begründet. Für eine schwer einzuschätzende Anzahl an Männern gilt das gleiche.

Viele diese Taten passieren im näheren Umfeld der Betroffenen. Hier ist die Bereitschaft zur Anzeige der Tat aufgrund der sozialen Bindung von mutmaßlichem Täter und Opfer gering. Zunehmen sind in Deutschland aktuell die Gewalttaten, bei denen man von einem Unbekannten angegriffen wird – das betrifft insbesondere auch die Sexualdelikte. Ein weiterer Faktor, der zu sexuellen Übergriffigkeiten führen kann, ist ein Machtungleichgewicht: Arbeitgeber – Arbeitnehmer; Professor – Student; Pastor – jugendlicher Ministrant. Neben der Hierarchie kann natürlich auch ein Altersunterschied eine Rolle spielen.

Nun gibt es aktuell eine Bewegung, die sich auf die Fahne geschrieben hat, sexuelle Übergriffe sichtbarer zu machen. Die Initiative ist sogar zur „Person of the year 2017“ des Time-Magazines gekürt worden: Es geht, das dürfte nun klar sein, um „#MeToo“.

Doch was kann diese Bewegung leisten? Wem nützt sie? Oder, schadet sie am Ende sogar?

Begonnen hat alles damit, dass einige  Schauspielerinnen in den USA sich nach Jahren trauten, Übergriffe von Regisseuren und männlichen Kollegen öffentlich zu machen. Die mutmaßlichen Täter waren mit den Opfern Großteils bekannt und waren ggf. darauf angewiesen, sich den Regisseur warmzuhalten, um ihre Filmkarriere fortführen zu können. Hier kamen also die Faktoren „persönliche Bekanntschaft“ und ein Stück weit „Abhängigkeit“ zusammen. Die Vorfälle haben sich überwiegend zu einer Zeit abgespielt, in der die Sensibilität der Gesellschaft für derartige sexuelle Belästigungen noch um einiges geringer war. Aus diesem Grund, so die mutmaßlichen Geschädigten, hätten sie die Vorkommnisse nicht in die Öffentlichkeit getragen.

Natürlich wäre es ideal, dem Täter mit ausreichender Selbstbehauptung klar zu machen, dass er sich das nicht erlauben kann, bzw. falls es doch passiert, nach einem solchen Erlebnis offen darüber sprechen zu können, den Täter zeitnah (!) anzeigen zu können und sich seiner Verurteilung sicher zu sein – ohne selber einen (Image-)Schaden davontragen zu müssen.

Aber: So ist es nicht. Die Gründe sind vielfältig: „Habe ich nicht selber auch irgendwie daran mitgewirkt? Glaubt mir die Polizei? Haftet mir danach ein Stigma an? Eigentlich war es doch gar nicht so schlimm, mir tut ja körperlich nichts weh – es gibt ja auch richtige Vergewaltigungsopfer… Ist der Stress eines Verfahrens es wert?“

Natürlich spielen sich diese Zweifel in der Person des Opfers selber ab. Es wäre leicht zu sagen, dass es also nur an ihm selbst liegt, dass es beispielsweise die Tat nicht anzeigt. Doch so sehr ich auch ein Fan der Eigenverantwortlichkeit des Menschen bin und ablehne, etwas pauschal als ein Strukturproblem zu bezeichnen: An dieser Stelle kann #MeToo hoffentlich dazu beitragen, dass die „Awareness“ für sexuelle Übergriffe in der Gesellschaft steigt und dadurch Opfer sexuelle Belästigungen öfter zur Anzeige bringen, oder sich ihnen sogar entschiedener entgegenstellen.

Was wir allerdings nicht außer Acht lassen dürfen: Das Rechtsstaatsprinzip und insbesondere die Unschuldsvermutung gilt auch für Grapscher, Belästiger und Vergewaltiger. Solange keine Straftat durch ein Gericht nachgewiesen wurde, ist der Tatverdächtige als solcher zu behandeln, und nicht als Täter. Das gilt insbesondere auch für die Berichterstattung.

Nehmen wir das Beispiel Jörg Kachelmann. Nach einem langen Strafprozess konnte das Gericht nicht feststellen, dass er das ihm vorgeworfene Sexualdelikt begangen hat. Kurze Zwischenfrage: Wie viele der Menschen, die von dem Vorwurf erfahren haben, wissen wohl von seiner festgestellten Unschuld? Die Imageschäden für Kachelmann sind weithin bekannt. Wie viele Männer sind da draußen, denen ebenfalls eine solche Falschbehauptung zum Verhängnis geworden ist, die aber nicht das nötige Kleingeld für hochkarätige Anwälte haben? Und was für einen Einfluss hat eine Falschbehauptung wohl auf die Glaubwürdigkeit des nächsten Sexualopfers?

Ebenso wenig hilfreich ist es übrigens, wenn eine Sawsan Chebli im Schatten der Initiative ein vielleicht deplatziertes Kompliment gleich als Sexismus beschreit. Damit trägt sie zur Verwässerung des Begriffes bei und macht es für wirkliche Opfer noch schwerer. Das Strafrecht ist ein scharfes Schwert. Nach der jüngsten Reform des Sexualstrafrechts ist es vielleicht sogar noch ein bisschen schärfer geworden. Wir sollten aber auch darauf achten, dass es das schärfste bleibt, und nicht durch eine überhastete gesellschaftliche Vorverurteilung ausgestochen wird.


Laura Lütt
Foto: Peter Lang

Laura Lütt ist ehemaliges Mitglied im politischen Beirat des RCDS und ehemalige Vorsitzende der Gruppe in Halle. Die geborene Cuxhavenerin, studiert an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg Rechtswissenschaften und zudem Kollumnisitin der Städtischen Zeitung Halle.

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